Interview mit Regisseur Michael Gautsch

Frage: In Ihrem Film "Rattenfänger" erzählen Sie die Geschichte eines Mädchens, das einer Sekte beitritt. War für Sie die Aktualität des Themas der Grund, diesen Film zu machen?

Michael Gautsch: Es ist eine dem Filmemacher auferlegte Aufgabe, die da lautet: Macht Filme, die Phänomene unserer Zeit aufgreifen. Und Sekten sind ein sehr typisches Phänomen für unser Industriezeitalter.

Frage: Der Begriff "Sekte" ist aber kein neuer, sondern reicht weit zurück.

Michael Gautsch: Allen Sekten gemein war wohl hinein bis ins 20. Jahrhundert eine mehr oder weniger fundamentale religiöse Basis. Dies hat sich bei uns in den letzten 15 - 20 Jahren grundlegend geändert. Und davon handelt auch mein Film. Dass es neue Sekten gibt, geschickt agierende Wirtschaftsverbrecher, die Religion nur als ihr Aushängeschild verwenden, um internationale Organisationen aufzubauen und aus idealistischen jungen Menschen Handlanger ihres einträglichen Geschäfts machen. Der Begriff "Sekten" ist übrigens ein für diese Organisationen kein gut gewählter, hat sich aber bei uns eingebürgert. Man sollte sie, wie dies hie und da schon geschieht, "destruktive Kulte" nennen.

Frage: Sehen Sie die Jugend für sektengefährdet?

Michael Gautsch: Ich sehe die Jugend - entwicklungsbedingt - auf der Suche nach einer Identität. Das war schon immer so, jedoch ist dieser lebenswichtige Vorgang noch nie so kompliziert wie heute. Heutzutage wird nämlich alles relativiert, sodass beinahe alle Lebensbereiche undurchschaubar bleiben, was die oft bemängelte Orientierungslosigkeit der Jugend zur Folge hat. Die industrielle Entwicklung hat uns materiellen Wohlstand gebracht, ohne aber die menschliche Psyche zu berücksichtigen. Daraus resultiert eine Situation, in der der „seelische Wohlstand“, wenn ich diese Formulierung verwenden darf, abhanden gekommen ist. Nun, diesen „seelischen Wohlstand“ offerieren alle diese destruktiven Kulte, auch ein einfaches und überblickbares Weltbild, damit werben sie mehr oder weniger erfolgreich Jugendliche an. Daher ist die Jugend, wenn ich jetzt verallgemeinere, sektengefährdet.

Frage: Was spricht Ihrer Meinung nach gegen den Beitritt zu einer Sekte bzw. zu einem destruktiven Kult?

Michael Gautsch: Solche Organisationen negieren die Persönlichkeit ihrer Mitglieder gänzlich. Die Mitglieder müssen sich einem autoritären System unterordnen und sich selbst aufgeben. Ein längerer Aufenthalt in einer solchen Gruppe bzw. Organisation hat dauernde psychische Schäden zur Folge.

Frage: Welche persönlichen Erfahrungen liegen Ihrem Film zugrunde?

Michael Gautsch: Ich habe im Zeitraum von einem Jahr gemeinsam mit meinem Co-Autor Michael Stocker umfangreiche Informationen eingeholt. Wir haben Gruppen besucht, mit Mitgliedern und ehemaligen Mitgliedern sowie mit betroffenen Eltern gesprochen. Es sind Familienschicksale, die sich da abspielen, wenn Eltern manchmal jahrelang vergeblich versuchen, ihr Kind zurückzugewinnen. Und wenn sich für sie die seltene Möglichkeit ergibt, ihr völlig verändertes, abwesend erscheinendes Kind zu sprechen, brechen Welten zusammen.

Frage: Konnten Sie Ihre Recherchen in diesem Milieu ungehindert durchführen?

Michael Gautsch: Nein, denn es wurde versucht, mich als Mitglied anzuwerben. Soll ich Ihnen eine Episode erzählen? Im Rahmen der Vorbereitungen zu diesem Film besuchte ich mit Ute Trampitsch, die die Hauptrolle spielt, einen Vortrag von S.-Church, einer der übelsten dieser destruktiven Kulte. Der Vortragende erklärte uns in selbstbewusstem und künstlich freundlichem Ton, seine Organisation könne unserem Leben ungeahnte Möglichkeiten eröffnen und aus uns so eine Art Übermenschen machen, wenn wir nur wollten. Wir wollten nicht. Wir wollten auch nicht sofort jenen Persönlichkeitstest ausfüllen, der der Grundstein für unser „neues Leben“ sein sollte, und gingen die Treppe runter in Richtung Ausgang. Die Türe war versperrt ...

Diese Szene finden Sie übrigens im Film wieder.

Frage: Und was geschah weiter?

Michael Gautsch: Wir gingen also wieder die Treppe hoch und stellten uns die Frage : Was ist mit all den anderen Leuten, die den Vortrag besuchten? Wenig später wurde uns klar: Wir waren an diesem Abend die einzigen Besucher. Sie hatten tatsächlich ihre Mitglieder in die Publikumsreihen gesetzt, um uns ein optimales Bild von der Veranstaltung zu geben. Gerade an diesem Beispiel sieht man recht deutlich, wie sehr sich solche Organisationen bei der Werbung um jedes mögliche neue Mitglied bemühen. Schließlich öffneten sie uns lächelnd die Haustür, Freundlichkeit gehört ja zu ihrer Strategie.

Frage: Welche Hilfe kann Betroffenen, Jugendlichen wie Eltern, seitens öffentlicher Stellen gegeben?

Michael Gautsch: So gut wie keine. Öffentliche Stellen reagieren ja meist erst dann auf Probleme, wenn sie akut sind. Meiner Meinung nach völlig ungerechtfertigt wird die Hilfestellung kirchlichen Stellen zugeschoben, obwohl wir es bei den destruktiven Kulten mit einem gesellschaftlichen und nicht religiösen Problem zu tun haben.

Frage: Können Sie dies näher erläutern?

Michael Gautsch: Eine betroffene Mutter hat mir kürzlich von ihrem Sohn erzählt, der nach mehrjährigem Aufenthalt in einer solchen Gruppe zurückgekehrt ist: der junge Mann ist in einem dauernden verwirrten Zustand, arbeitsunfähig, läuft nachts stundenlang ruhelos durch die Wälder. Ein anderer junger Mann wurde, weil er TBC hatte, von seiner Gruppe ausgestoßen und "betet" nun im Krankenhaus in die Glühlampe seinen "Meister" an. Der "Meister" ist der gottähnliche Führer einer solchen Organisation. Menschen wie diese jungen Männer lassen sich in den gesellschaftlichen Arbeitsprozess nicht eingliedern. Früher oder später wird die Gesellschaft für sie aufkommen müssen.

Frage: Kommen wir jetzt auf die Gestaltung des Filmes zu sprechen. Die Hauptfigur Ihres Filmes, die 20jährige Maria, ist Studentin, ein ganz normales Mädchen, sie hat einen Fremd, ein halbwegs intaktes Elternhaus. Dennoch ist sie unzufrieden.

Michael Gautsch: Ja, die Welt nach außen hin ist bei ihr scheinbar in Ordnung. Bis eines Tages diese ganze Fassade zusammen bricht. Maria sieht die Welt um sich abgestorben, alles läuft tagein tagaus nach dem gewohnten Schema. Wahrscheinlich hat sie sich schon oft mit dem Gedanken getragen, aus ihrem Alltag auszubrechen. Vielleicht wäre sie in Urlaub gefahren, stattdessen bekommt sie Kontakt zu einer Gruppe. So harmlos und banal fängt das ja meist an. Und die Zufälligkeiten sind es ja auch, die unser Leben entscheidend beeinflussen können

Frage: Glauben Sie, dass sie mit der Figur der Maria ein typisches Beispiel für ein Sektenopfer zeigen?

Michael Gautsch: Meine Aufgabe ist es gewesen, eine Figur zu schaffen, anhand der man mitverfolgen kann, wie der Eintritt in eine solche Gruppe erfolgen kann. Die Figur der Maria ist vielleicht widersprüchlicher und kritischer in gewissen Situationen, As dies in der Realität bei den mir bekannten Fällen gegeben war. Im Gegensatz zu diesen kehrt Maria am Ende des Filmes, kurz nach ihrem Eintritt in die Gruppe, in unsere Realität zurück, ohne größere psychische Schäden abbekommen zu haben. Wäre sie länger geblieben, wäre die Geschichte weniger glimpflich aus gegangen.

Frage: Dies wäre vielleicht auch eine Möglichkeit gewesen, den Film, sagen wir es einmal so, tragischer zu machen?

Michael Gautsch: Das hätte zur Folge, dass jugendliche Zuseher sagen würden, das ist extrem, das gibt es nicht, so was kann mir nicht passieren. Nein, das habe ich ganz bewusst so gestaltet, dass Maria ohne Dauerschäden davonkommt. Der Weg der Maria soll nachvollziehbar bleiben.

Frage: Sie haben auch Elemente des Unterhaltungsfilms in Ihre Inszenierung miteinbezogen. Lässt sich die Verwendung trivialer Elemente mit der Problematik des Stoffes vereinbaren?

Michael Gautsch: Ich nehme mir nicht das Recht heraus, die Zuseher des Filmes mit Fingerzeig zu belehren. Vielmehr möchte ich sie mit Hilfe einer lockeren Spielhandlung, die insbesondere jugendliche Zuseher amüsiert, informieren.

Diese Kombination von Unterhaltung und Information bringt meiner Meinung nach mehr, als wenn man nur ernste Dinge zeigt.

(Das Gespräch mit Michael Gautsch führte Jenny Savidge im Frühjahr 1984)

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